Interview: Caroline Aebischer 06/17/2022

«Architektur, Planung und Bau vereinen»

Bald starten die ersten Studiengänge des Departements Bau, Real Estate und Facility Management. Dieses ist mit dem Aufbau des Lehrangebots nun komplett – in der Verantwortung des Departements liegen neben der Lehre auch der Betrieb der Immobilien und der Infrastruktur und das Vermietungsmanagement in Zürich und Brig. Die Departementsleiterin Yvonne Ganz im Interview.

Frau Ganz, Sie haben einen aktuellen Einblick in die Immobilien- und Baubranche. Was sind die gegenwärtigen Trends?
Grundsätzlich ist die Immobilienbranche von einem starken Wandel betroffen. Wir können drei Trends identifizieren: Erstens der zunehmende Wettbewerbsdruck und der daraus entstehende Zwang zur Rationalisierung. Hier unterstützt die Digitalisierung im Bau wesentlich. Zweitens der Trend zur flexiblen Gebäudenutzung. Bedingt durch Corona hat sich die Art, wie wir zusammenarbeiten und die Nutzung von Räumlichkeiten verändert. Dies erfordert neue Konzepte, um mit Leerständen und mit Investitionsdruck umzugehen. Die Immobilienbranche muss sich neu erfinden und, als dritter Trend, neue Servicemodelle anbieten. Gleichzeitig sind alte Werte, gemeinsame Regeln, die das Zusammenarbeiten definieren, sowie das Ethikbewusstsein in der Baubranche zentral.

Inwiefern beeinflusst die Digitalisierung die Baubranche?
Die gesamte Baubranche steht unter einem Rationalisierungs- und Innovationsdruck – damit ändert sich das Berufsbild. Die Digitalisierung wird wichtiger. Ein zentraler Baustein ist die Gebäudedatenmodellierung, kurz BIM (Building Information Modeling) und die Prozessautomatisierung. Mit dieser Methode können die ganzen Planungsprozesse und -schnittstellen sowie die Umsetzung und Bewirtschaftung modelliert, vernetzt und visualisiert werden. Dennoch ist und bleibt das Bauen ein bodenständiges Handwerk.

Was bedeuten diese Trends für die Weiterbildung?
Im Bau geht es immer um viel Geld. Nicht-Wissen und Reibungsverluste generieren zeitliche Verzögerungen und hohe Kosten. Wichtig sind neben den fachlichen Kompetenzen die Kommunikation und soziale Skills. Es braucht ausgesprochene Führungsqualitäten, um mit den vielfältigen Stakeholdern zusammenzuarbeiten. Zur richtigen Zeit die richtigen Personen vor Ort zu haben, die zudem das Richtige in der verfügbaren Zeit tun.

Sind dies die Kompetenzen, die Sie in den neuen Studiengängen vermitteln?
Ja, wir zeigen auf, wie die verschiedenen Anspruchsgruppen zusammengeführt und koordiniert werden, wie Bauprojekte geführt und wie digitale Tools konkret angewendet werden. Dies ist eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche und pünktliche Umsetzung eines Bauprojektes.

Welchen Stellenwert haben die zwei neuen Campus der FFHS in Bezug auf das neu geschaffene Departement?
Die FFHS ist seit mehreren Jahren intensiv mit dem Bauen beschäftigt. Im Hinblick auf den Bau, die nachhaltige Bewirtschaftung und Vermietung wurde das neue Departement aufgebaut. Weil der Betrieb und die Infrastruktur der Immobilien in der eigenen Hand ist, haben wir jegliche Nutzungsrechte und Möglichkeiten und können für den Lehrbetrieb die nötige Flexibilität gewährleisten. Die beiden Campus sind sehr wichtig für unser Lehrangebot vor Ort im Allgemeinen und spezifisch natürlich für die neuen Studiengänge im Bereich Bau.

Sie starten mit den drei CAS Bauherrenkompetenz, Digital Construction und Bauprojektmanagement. Wie heben diese sich von anderen Hochschulen ab?
Viele Studiengänge im Bauwesen werden nur im Präsenzunterricht angeboten. Mit Blended Learning bieten wir ein zeitlich flexibles Studienmodell an. Ausserdem sind wir als Hochschule mit dem Bau von zwei neuen Campus nah an der Baubranche.

Der Begriff «Bauherr» ist schwierig zu gendern. Ist die Baubranche eine Männerdomäne?
In der Baukommission und am Bau bin ich oft die einzige Frau. In der Architektur sieht es schon anders aus.

Woran liegt dies Ihrer Meinung nach?
Es ist dieselbe Problematik in allen MINT-Fächern. Frauen müssen das Selbstbewusstsein erlangen, auch in technischen Berufen erfolgreich sein zu können und zu dürfen. Die Baubranche ist sehr technisch orientiert, obschon Architektur auch kreativ ist. In Baukommissionen sind kaum Frauen vertreten. Dabei könnten diese den Kommissionen sehr guttun. Sie haben eine andere Herangehensweise zu fairen Lösungen und könnten den ethischen Aspekt in die Baubranche einbringen. Gut funktionierende Teams erreichen bessere und schnellere Lösungen, was letztendlich kostenrelevant ist.

Was möchten Sie mit den neuen Weiterbildungen erreichen?
Meine Vision ist es, Architektur, Planung und Bau näher zusammenzubringen und das Verständnis und die Kommunikation der Anspruchsgruppen untereinander zu fördern. Die Studierenden sollen eine Herangehensweise lernen, die sie befähigt, diese Vernetzung herzustellen – zum Beispiel die Kommunikation mit den Architekten, den Fachplanern oder den Handwerkern. Barrieren zwischen den verschiedenen Berufsgruppen im Bau abzubauen und das Vertrauen herzustellen sind wichtige Ziele, die den harten Job attraktiver machen.

Welche Zielsetzungen haben Sie für das Departement im Gesamten?
Wir möchten weitere CAS aufbauen, um künftig Master-Studiengänge anbieten zu können und die FFHS in der Ausbildung im Bauwesen positionieren. Dies ist eine Innovation, die einer etablierten Fachhochschule ebenfalls Diversifikation im Lehrangebot ermöglicht. Als Dozentin war es immer mein Ziel, dass die Studenten sehr gern lernen und hungrig nach Wissen sind.