Welches Studium passt zu mir? Sehen Sie auf einen Blick, welche Studiengänge für Sie in Frage kommen

«Lernen, wie algorithmisches Denken funktioniert.»

Michael Zurwerra ist der neue Rektor der Fernfachhochschule. Wie er die FFHS durch den digitalen Wandel steuern will und ob er selber ein Fernstudium durchgehalten hätte, verrät er im Interview. Interview: Natascha In-Albon

Michael Zurwerra.

Seit 1. März sind Sie Rektor der FFHS? Wie haben Sie sich eingelebt?

Ich fühlte mich von Anfang an willkommen und konnte sofort mit der täglichen Arbeit beginnen. Glücklicherweise hatte ich seit Dezember auch Gelegenheit, mich auf die neue Aufgabe vorzubereiten. Dieser Vorlauf war für mich entscheidend.

 

Was wollen Sie als Erstes anpacken?

Die FFHS hat eine Änderung in der Organisationsstruktur vorgenommen, die nun umgesetzt wird. Personell müssen alle offenen Fragen geklärt werden. Das ist aktuell das Wichtigste, damit wir anschliessend in Ruhe weiterarbeiten und die vielen anstehenden Projekte angehen können.

 

Ihre letzten Berufsjahre haben Sie im Appenzell verbracht. Nun kehren Sie in Ihren Heimatkanton zurück. Hat es Ihnen fern vom Wallis nicht gefallen?

Doch, es hat mir sehr gut gefallen. Ich hatte mit der grossen Schulreform, die alle Mittelschulen betraf, eine sehr spannende Aufgabe. Die Zusammenarbeit mit den Behörden und der Regierung war äusserst angenehm.

 

Also sind Sie kein typischer Heimwehwalliser?

Meine Mutter war St. Gallerin. Daher hatte ich schon immer Beziehungen in die Ostschweiz. Aber als Walliser kehrt man natürlich gerne zurück, die Berge und die Menschen im Wallis sind halt einmalig. Ich habe in einem Alter den Kanton verlassen, in dem man die wichtigen Beziehungen im Leben bereits aufgebaut hat und daher fühle ich mich im Wallis stark verwurzelt.

 

Die digitale Transformation ist momentan die grösste Herausforderung für die Wirtschaft. Welchen Beitrag muss die Bildung leisten?

Fachlich sehr gut ausgebildete Berufsleute können heute in Gefahr laufen, dass ihre Berufskarriere ins Stocken gerät, weil ihnen Kenntnisse im digitalen Bereich fehlen. Im schlimmsten Fall führt dieser Umstand dazu, dass weniger qualifizierte Fachleute, aber mit höheren ICT-Qualifikationen, bei der Besetzung von Kaderstellen vorgezogen werden. Das darf nicht passieren. Hier hat die Bildung eine gesellschaftliche Verantwortung. Die digitale Technologie gehört nun einmal zu unserem Alltag. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Der Lehrplan 21 hat neu in der obligatorischen Schule Medienkompetenz und Informatik als Fach vorgesehen. Auch die Mittelschulen und die Berufsbildung sind heute mit Hochdruck dabei, mehr Informatik und Medienkompetenz zu vermitteln, aber das Thema müsste heute noch viel breiter und schneller umgesetzt werden.

 

Durch noch mehr Informatik?

Mehr Informatik für alle und vor allem Vermittlung von Medienkompetenz. Alle Schüler müssen lernen, wie algorithmisches Denken funktioniert, weil sie nur so verstehen können, was mit digitalen Medien möglich ist. Medienkompetenz muss heute in jedem Fachbereich vermittelt werden. Ich bin grundsätzlich auch davon überzeugt, dass man heute noch viel mehr und bewusster fächerübergreifend lehren und lernen muss.

 

Wie steht es denn bei Ihnen selber? Wie fit sind Sie im digitalen Bereich?

Als ich Ende der 80er Jahre in Brig als Gymnasiallehrer ans Kollegium kam, haben ein paar «Freaks», darunter auch ich, den Atari-Club gegründet. Für viel Geld haben wir einen Atari Computer gekauft und daran herumgebastelt. Das war damals eine bessere Schreibmaschine. Ich war immer offen für neue Technologien und fand die digitale Entwicklung stets faszinierend. Das finde ich auch jetzt gerade das Spannende an meiner neuen Funktion an der FFHS. Wir alle an der FFHS dürfen uns tagtäglich mit einem Thema beschäftigen, das derzeit die Gesellschaft tiefgreifend beeinflusst und verändert.

 

An der FFHS studieren 70 Prozent Männer. Wieso spricht das Modell nicht mehr Frauen an?

Ich denke, dass es vor allem mit unserem Fächerangebot zu tun hat. In den Bereichen Wirtschaft und Technik und in der Informatik haben wir viel mehr Männer. Im neuen Departement Gesundheit hingegen sieht es anders aus.

 

Also muss man mehr «Frauenfächer» einführen?

Auch hier findet ein Wandel statt. MINT-Fächer werden bei Frauen immer beliebter. Ich habe in den letzten Jahren beobachtet, dass sich mehr und mehr Studentinnen für Naturwissenschaften interessieren. Vielleicht hängt das auch damitzusammen, dass in der Schweiz auf der Sekundarstufe II immer mehr Frauen Naturwissenschaften unterrichten. Ich denke, dass sich in Zukunft das Verhältnis zwischen Männern und Frauen auch an der FFHS ausgleichen wird.

 

Ein Fernstudium verlangt viel Selbstdisziplin. Hand aufs Herz: Hätten Sie selber ein Fernstudium neben einer Berufstätigkeit durchgehalten?

Sehr wahrscheinlich. Wenn ich mich dafür entschieden hätte, dann hätte ich es auch durchgezogen. Wichtig sind ein gutes Zeitmanagement und eine klare Vorstellung davon, was man machen will.

 

Laut einer Umfrage finden zwei Drittel der Schweizer, es gebe zu viele Maturanden. Droht uns eine Akademisierung der Gesellschaft?

Die gymnasiale Maturitätsquote liegt gesamtschweizerisch vielleicht bei 20 Prozent. Davon gehen nicht einmal mehr die Hälfte direkt an eine Uni oder ETH. Sie suchen Alternativen, absolvieren eine Fachhochschule, steigen in einen Beruf ein … Ich habe eher das Gefühl, dass es umgekehrt ist. Wir haben zu wenig Ärzte, zu wenige Ingenieure mit einem ETH-Abschluss usw. Da kann man nicht von einer Akademisierung sprechen. Wenn nicht die Fachhochschulen in diesem Punkt einen wichtigen Beitrag leisten würden, hätten wir einen enormen Fachkräftemangel. Andererseits ist es heute im dualen Bildungssystem auch möglich, nach einer Berufsmatura den Weg an die Uni zu gehen. Diese Durchlässigkeit unseres Bildungssystems erachte ich als sehr wichtig. Ich sehe auch die Tatsache, dass Transfers zwischen Fachhochschulen und Universitäten heute problemlos möglich sind als eine grosse Chance für den Bildungsstandort Schweiz. Heute kann man nach einem Bachelor an einer Fachhochschule den Master an einer Uni machen oder umgekehrt.

 

Seit Januar dieses Jahres führt die FFHS einen UNESCO-Lehrstuhl für die Forschung im Bereich adaptives Lernen. Wie wichtig ist dieser Lehrstuhl?

Es ist eine hohe Anerkennung für die Forschungsarbeit und die Lehrtätigkeit der FFHS und bedeutet für uns eine Qualitätsauszeichnung. Zusätzlich eröffnet dieser Lehrstuhl die Möglichkeit zu neuen nationalen und internationalen Kooperationen vor allem auch im englischsprachigen Raum.

 

Adaptive Technologien sollen den einzelnen Studierenden gemäss seinen individuellen Bedürfnissen im Lernprozess stützen. Wird der Lehrer eines Tages überflüssig?

Nein, die digitalen Geräte werden die Lehrpersonen nie ersetzen. Aber deren Rolle als Wissensvermittler ändert sich. Die Lehrpersonen müssen heute zeigen, wie man zu relevantem Wissen gelangt, müssen Lernprozesse steuern und eventuell moderieren und vor allem die fächerübergreifenden Vernetzungen und Zusammenhänge aufzeigen. Ein Roboter wird die Rolle eines Lehrers nie übernehmen können.

 

Sie haben neben der Karriere in der Schulleitung auch grosse Erfahrung im Militär als Oberst imGeneralstab. Erwartet die Mitarbeitenden nun ein militärischer Führungsstil?

Im Militär habe ich im Bereich Führung enorm viel gelernt. Die wichtigste Erkenntnis aus meiner militärischen Stabsarbeit war sicher die Einsicht, dass Ziele nur in einem Team von Spezialisten erfolgreich zu erreichen sind. Die Kunst der Führung besteht darin, dass es einem gelingt, die verschiedenen Qualitäten und Kenntnisse der Einzelnen gewinnbringend zusammenzuführen. Jeder Mitarbeiter muss sich einbringen können. Diesem Grundsatz werde ich auch an der FFHS treu bleiben: Bildung und Forschung funktionieren nur in der Kooperation.

 

Was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger Prof. Dr. Kurt Grünwald?

Ohne Kurt Grünwald gäbe es die FFHS nicht. Er ist der Vater der FFHS, ein grosser Pionier in der Bildungslandschaft Schweiz. Ich habe eine hohe Achtung vor dem, was Kurt Grünwald geschaffen und erreicht hat. Und ich habe daher auch grossen Respekt vor meiner neuen Funktion. Meine Rolle ist nun aber auch eine andere. Meine Aufgabe besteht darin, die FFHS zusammen mit allen Mitarbeitern zu einer modernen E-Hochschule weiterzuentwickeln, damit wir auch in der Zukunft erfolgreich und einzigartig im Bereich der Fernstudien sind.

FFHS-Magazin Cloud bestellen

Sie wünschen sich das Cloud auf Papier? Melden Sie sich einfach an und wir schicken Ihnen das nächste Heft per Post nach Hause.