04/30/2021

Wie beeinflusst das Gesetz in der Schweiz die Stilldauer?

Dass Stillen vielseitige gesundheitliche Vorzüge bringt, ist unumstritten und gesellschaftlich anerkannt. Doch welchen Einfluss hat das Arbeitsrecht auf das Stillverhalten? Dieser Frage ist Petra Gantenbein, Absolventin des BSc Ernährung und Diätetik an der FFHS, in ihrer ausgezeichneten Bachelorthesis nachgegangen. Sie konnte aufzeigen, dass seit der Revision des Schweizer Arbeitsgesetzes im Jahr 2014 die Gesamtstilldauer unselbstständig erwerbstätiger Frauen um rund 2 Monate zugenommen hat.

Mit der Revision des Arbeitsgesetzes vom 1. Juni 2014 wird der gesamtgesellschaftlichen Wichtigkeit des Stillens Nachdruck verliehen. Konkret betrifft diese Revision die tägliche Arbeits- und Stillzeit bei Mutterschaft und beinhaltet neu die geregelte Entlöhnung von Stillpausen am Arbeitsplatz während des ersten Lebensjahres des Kindes. Im Rahmen ihrer Bachelorthesis an der FFHS hat Petra Gantenbein untersucht, wie sich das Gesetz zum Schutz der stillenden Mütter auf deren Gesamtstilldauer auswirkt. Sie hat schweizweit 650 unselbstständig erwerbstätige Frauen, die seit dem 1. Januar 2016 Mutter geworden sind, zu ihrem Stillverhalten befragt. Es hat sich gezeigt, dass die Gesamtstilldauer seit der Revision des Arbeitsgesetzes im Vergleich zu den Vorjahren um ca. zwei Monate zugenommen hat und nun 35 Wochen beträgt. Dieser Anstieg ist frappierend, blieb doch die Gesamtstilldauer in den Jahren zwischen 2003 und 2014 nahezu konstant.

Eher gesellschaftlicher Wandel statt Entlöhnung ausschlaggebend

Ausserdem konnte die Autorin nachweisen, dass die Entlöhnung von Stillpausen keinen direkten Einfluss auf die Gesamtstilldauer hat – ein Umstand, der gemäss Gantenbein besonders interessant sei, da die Gesetzesrevision von 2014 der Doppelrolle der Frau als stillende Mutter und als Arbeitskraft gerade durch die Entlöhnung von Stillpausen Rechnung trägt. Gantenbein interpretiert diese Erkenntnis dahingehend, dass die Gesetzesrevision indirekt auf gesamtgesellschaftlicher Ebene Wirkung zeigt und zur Aufklärung und Sensibilisierung der Gesellschaft beiträgt. Insofern legen die Ergebnisse der Bachelorthesis nahe, das Thema «Stillen am Arbeitsplatz» weniger unter einem rechtlichen oder wirtschaftlichen als vielmehr unter einem ­gesamtgesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Gesichtspunkt zu betrachten.