15.04.2020

«Going online»: FFHS unterstützt Lehrpersonen beim Change-Prozess

Momentan sind viele Schulen und Bildungsinstitutionen gefordert, ihren Unterricht online fortzuführen. Für die FFHS ist der Schritt vom Blended Learning-Modell hin zum vollständigen Onlineunterricht ein kleiner. Diese Expertise möchte sie auch anderen Bildungsinstitutionen zugänglich machen. Prof. Dr. Markus Dormann, Leiter Departement E-Didaktik, erklärt, worauf es beim Wechsel von Präsenz- auf Onlineunterricht ankommt.

Die FFHS hat in wenigen Tagen den Präsenzunterricht komplett auf online umgestellt. Wie haben Sie das geschafft? Was waren die wichtigsten Faktoren dabei?
Wir haben bereits frühzeitig ein Monitoring der Situation unternommen und einen Stresstest unseres Ist-Standes erarbeitet. Als sich die Lage Anfang März zuspitzte war absehbar, dass die Entwicklung sich gegebenenfalls rasant und negativ entwickeln könnte. Mittels eines Krisenteams habe ich zu diesem Zeitpunkt begonnen, uns auf verschiedene Szenarien vorzubereiten. Wir haben analysiert, wo wir für eine Umsetzung unserer Präsenzphasen mittels Onlineunterricht stehen, haben Softwarelösungen evaluiert, Tests mit Dozierenden durchgeführt, mit Firmen gesprochen und uns Supportmöglichkeiten überlegt. Dadurch konnten wir anschliessend zügig reagieren. Mittels zahlreicher Überstunden und indem unsere gesamte Schule an einem Strang zog, haben wir den Umstieg gut meistern können.

 

«Wir stehen noch am Anfang, die zahlreichen Möglichkeiten zu nutzen.»

Wie waren die Feedbacks der Dozierenden? Und der Studierenden?
Wir haben sehr viel Anerkennung und positive Rückmeldungen für den schnellen Umstieg von allen Seiten bekommen. Ich denke, der gelungene komplette kurzfristige Umstieg auf Onlineunterricht, der sicherstellte, dass unser Schulbetrieb geregelt weiterlaufen konnte, hat alle Beteiligten, also Studierende, Dozierende, Mitarbeiter beruhigt und allen eine gute Perspektive gegeben. Das hat uns bestätigt, dass sich unsere harte Arbeit gelohnt hat.

Sie haben in der Krise Ihre Erfahrungen in einem Webinar auch mit anderen Lehrpersonen geteilt. Was war das dringendste Bedürfnis der Teilnehmenden?
Das dringendste Bedürfnis der Teilnehmer war sicherlich, Anhaltspunkte zu bekommen, wie man einen solchen Prozess erfolgreich meistert und wie man alle Beteiligten dabei mitnehmen kann. Bei einem solchen «going online» spielen verschiedenste individuelle Bedürfnisse aller Stakeholder eine Rolle. Gleichzeitig gilt es auch, die Sichtweise der jeweiligen Bildungsinstitution als Ganzes nicht aus dem Auge zu verlieren. Hier die beiden Perspektiven im Auge zu behalten und jeweils möglichst effizient und effektiv Unterstützung zu geben ist eine Herausforderung. Diesen Change-Prozess zu meistern gilt es.

Nach dem Webinar haben Sie den Lehrpersonen eine Sprechstunde angeboten. Welche Fragen wurden gestellt?
Im Wesentlichen kommen bei eigehenden Anfragen Fragen zu Themen, die wir in Bezug auf Onlineunterricht immer beantworten müssen. Welche didaktischen Ziele, Voraussetzungen und Möglichkeiten gilt es wie zu berücksichtigen/ zu planen? Welche technische Lösung (Lernmanagementsystem (LMS), Tool für Onlineunterricht) ist für uns das Richtige? Wie supporten wir unsere Dozenten und lernenden beim «going online»?

Haben Sie bereits Rückmeldungen der Teilnehmenden des Webinars erhalten, ob sie das Gelernte in ihrem Unterricht erfolgreich umsetzen konnten?
Wir stehen aktuell mit verschiedenen Bildungsinstitutionen im Austausch. Hier unterstützen wir in verschiedener Art und Weise. Eine direkte Rückmeldung zum Webinar ist bisher nicht erfolgt. Gleichwohl, es sind gerade hektische Zeiten, insofern verwundert mich das nicht. Wir hoffen hier in erster Linie, für kritische Fragen Antworten angeboten haben. Rückblickend wird das sicherlich spannend, hier noch mehr Feedback zu erhalten. Hoffentlich ist für sowas bald wieder mehr Zeit, dadurch, dass sich die Lage mit Corona normalisiert.

 

Die Nachfrage an Tools für Videokonferenzen stieg explosionsartig und so kam es auch oft zu Unterbrüchen. Skeptiker sagen, dass es seit Jahren keine Verbesserung gibt. Was ist Ihre Sicht, wie haben sich die Tools entwickelt?
Im Grossen und Ganzen sind die professionellen Tools mittlerweile durchaus stabil. Unterbrechungen können hier diverse Gründe haben. Dies kann in seltenen Fällen der Ausfall eines Services eines Toolanbieters sein. Gleichzeitig können diese in anderen Fällen auch auf die vor Ort verfügbare Hardware zurückgeführt werden oder es können Benutzerfehler vorliegen. Ich vergleiche das gerne mit dem herkömmlichen Präsenzunterricht. In Zeiten als wir noch mit Kreide geschrieben haben konnte es auch passieren, dass die Kreide ausging. In einem solchen Fall holte man ein neues Kreidestück und der Unterricht ging weiter. Unter der Bedingung, dass sich die Dozierenden mit dem Unterrichtstool auseinandersetzen, kann in der Regel ein flüssiger und störungsfreier Unterricht durchgeführt werden. Unsere Dozenten haben das in den letzten Wochen – nicht zuletzt aufgrund ihrer guten Vorbereitungsarbeit – eindrucksvoll bewiesen. Ich will noch anfügen, dass die Studierenden und Dozierenden der FFHS natürlich aufgrund unseres Fernstudiums durchaus eine gewisse Affinität zum Onlinelernen und -unterrichten mitbringen. Hiervon profitieren wir natürlich in der gegenwärtigen Situation.

Auf welches Tool setzt die FFHS und aus welchem Grund?
Wir setzen verschiedene Tools ein, da wir aus Erfahrung wissen, dass es die «eierlegende Wollmilchsau» also das Tool, das alle Bedürfnisse befriedigt, nicht gibt. Für den grössten Teil unseres Onlineunterrichts nutzen wir aktuell «Newrow». Hier haben wir ein stabiles Tool, das eine intuitive Bedienung gewährleistet und wichtige didaktische Funktionen bietet wie z.B. Gruppenunterricht, ein Abspielen verschiedener Formate, eine Webcamunterstützung, eine Meldefunktion sowie eine leicht bedienbare Rechteverwaltung für Nutzer.

Wie kann der Onlineunterricht persönlich gestaltet werden? Die Studierenden sind ja weit voneinander entfernt, wie kann man diese Distanz abbauen?
Wir nutzen im Onlineunterricht verschiedene Sozialformen (z.B. Gruppenphasen, Plenum…) und Methoden. Zusätzlich ist auch durch einen studierendenzentrierten Unterricht gewährleistet, dass ausreichend Interaktion und Kommunikation zwischen allen Beteiligten stattfindet. Diese Aspekte finden sich in den Gütekriterien unseres Blended-Learning-Ansatzes ohnehin wieder. Auf diese achten wir bereits bei einer Kurserstellung. Für den Onlineunterricht wird dies nun zusätzlich durch didaktische Sprechstunden sichergestellt, in welchen wir den Dozierenden Lösungen anbieten, wie sie solche Aspekte im Onlineunterricht realisieren können. Dies gelingt entsprechend unserer Feedbacks und Beobachtungen sehr gut.

«Schlussendlich geht es darum, wissbegierigen Menschen ein Lernen zu ermöglichen, damit sie sich in einer zunehmend digitalen Welt möglichst gut zurechtfinden.»

In die Zukunft geschaut: Wie verändert die Krise den Umgang mit Präsenzunterricht in den Schulen allgemein?
Bei unterschiedlichen Institutionen im Bildungssektor, also Universitäten, Schulen, Verbänden, Unternehmen und anderen Weiterbildungseinrichtungen zeichnet sich gerade ein nahezu übereinstimmendes Bild. Hierzu lässt sich berichten, dass der Widerstand gegen einen Onlineunterricht, der bei einzelnen Lehrern, Dozenten, Weiterbildungsverantwortlichen die letzten Jahre immer wieder intensiv zu spüren war, aktuell kaum noch wahrzunehmen ist. Onlineunterricht fängt durch die Krise an für immer mehr Lehrende ein Stück weit mehr Gewohnheitssache zu werden. Nochmal: Mir geht es nicht um ein Abschaffen des Präsenzunterrichts – hier geht es um mehr als ein Schwarz-Weiss-Denken. Ich erhoffe mir, dass eine grosse Zahl an Universitätsprofessoren, Dozenten, Lehrern, Weiterbildnern die Potenziale des Onlineunterrichts erkennt. Wir werden zukünftig so viel flexibler auf Situationen reagieren können. Denken Sie an kranke Lernende, die von zuhause aus lernen, an persönlichen Support bei Fragen, der online synchron und asynchron besser geleistet werden kann oder Prüfungen, die flexibel von überall auf der Welt abgelegt werden können. Auch das Sparen von Reisekosten oder das Zuschalten von Teilnehmern zu Firmenschulungen bietet eine Flexibilität, die beispielsweise Unternehmen noch unzureichend ausnutzen. Dies ist nur eine Auswahl an Möglichkeiten, die Onlineunterrichten bietet. Wir stehen noch am Anfang, die zahlreichen Möglichkeiten zu nutzen. Ich denke, hier werden wir es zukünftig leichter haben, da viele Lehrende jetzt persönliche Erfahrungen machen, denen sich einige vorher kategorisch verschlossen haben. Schlussendlich geht es darum, wissbegierigen Menschen ein Lernen zu ermöglichen, damit sie sich in einer zunehmend digitalen Welt möglichst gut zurechtfinden. Wir sollten dafür alle verfügbaren Tools nutzen, um genau das zu unterstützen.

 

Prof. Dr. Markus Dormann leitet seit 2019 das Departement E-Didaktik an der FFHS. Er studierte Wirtschaftspädagogik und Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg und forschte anschliessend insbesondere zum Einsatz von digitalen Medien in der Aus- und Weiterbildung. Als selbständiger Berater und Trainer war er ausserdem für zahlreiche nationale und internationale Unternehmen tätig, für die er seine Forschungsergebnisse in Vorträgen und Workshops einbrachte.

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