30.06.2026

Ein Jahr nach dem Pitch — was aus einer Studienidee wurde

Aus PET-Flaschen direkt zu 3D-druckbarem Material: Diese Idee entwickelten Studierende im Rahmen des Moduls «Innovationsmanagement» im Bachelorstudiengang Betriebsökonomie. Heute liegt ein funktionierender Prototyp vor. Dies ist eine Geschichte aus zwei Perspektiven: Die des Studenten, der den Pitch vorbereitete, und die des Dozenten, der die Idee danach selbst weiterführte.

Im Modul «Innovationsmanagement» des Bachelorstudiengangs Betriebsökonomie an der FFHS bekamen die Studierenden im Frühjahr 2025 eine klare Aufgabe von Dozent Dr. Philipp Meyer: Eine reale Innovationsidee entwickeln, strukturieren und am Ende vor echten Entscheidungsträgern pitchen. Nicht als Übung, sondern als realitätsnaher Test. Die Frage am Ende des Pitches ist nicht «Ist das technisch machbar?» — sondern «Würden wir das finanzieren?»

Phase 1: Viele Ideen, keine Klarheit

«Meine erste Reaktion war ehrlich: Das wird einfach. Wir nehmen die erste gute Idee. In der Realität war es deutlich schwieriger. Wir hatten viele Vorschläge — von nachhaltigen Konzepten mit recyceltem Plastik bis zu digitalen Plattformen für Physiotherapie und neue Kinoformate. Sie klangen alle spannend, hatten aber bei genauerem Hinsehen klare Schwächen. Das Problem war nicht der Mangel an Ideen, sondern ihre Umsetzbarkeit. Was uns letztlich half, war der direkte Austausch mit dem Dozenten. Sein Feedback hat uns mit der Realität konfrontiert», fasst Student Luca Invernizzi zusammen.

«Im Innovationsmanagement beginnt alles mit einer einfachen Frage: Für wen lösen wir welches Problem? Das Werkzeug dafür ist der Value Proposition Canvas — aber als Gesprächswerkzeug, nicht als Formular. Erst, wenn die Customer Jobs, Pains und Gains klar sind, beginnt man mit dem Wertversprechen. Nicht umgekehrt. Was Studierende dabei am meisten herausfordert, ist nicht die Methode selbst — sondern die Bereitschaft, alte Denk-Muster loszulassen und mit offenem Mindset zu experimentieren», erklärt Philipp Meyer, Dozent und Fachbereichsleiter Unternehmensführung.

Phase 2: Der Reality Check, der wehtat

Es fehlten nur noch wenige Unterrichtsstunden bis zum finalen Pitch, als die Gruppe von Luca Invernizzi ihre Hauptidee präsentierte: PlasticBank 2.0 — ein plastikbasiertes Sammelsystem mit digitalen Blockchain-Prämien. Dazu Accessoires und Outdoor-Kleidung aus recyceltem Plastik. Eine B2B-Plattform für zertifiziertes Plastik. Ein Loyalty-Programm für Konsumenten. Ein ambitioniertes Konzept.

«Bei der Recherche stellten wir schnell fest, dass niemand ein fertiges Produkt anbot, das das Endmaterial sofort nutzbar machte. Es gab nur einzelne Prototypen mit ähnlichen Funktionen, aber kein integriertes Produkt. Das war der Moment, in dem die Idee plötzlich Hand und Fuss hatte», so Invernizzi.

Bei der Idee der Gruppe, aus PET-Flaschen Filament für den 3D-Drucker zu machen, spricht man von einer klassischen Cross Industry Innovation: Bestehende Lösungen aus dem 3D-Druck und dem Recycling wurden neu kombiniert. Nicht jede Innovation ist eine Erfindung. Sehr viele sind eine kluge Neuverknüpfung.

«Was die Gruppe ausgezeichnet hat: Sie waren wirklich engagiert. Das ist für mich die Grundvoraussetzung. Nicht Vorwissen, nicht Erfahrung — sondern die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, auch wenn es unbequem wird. Als Dozent versuche ich, Ideen nicht vorschnell abzutun, sondern Fragen zu stellen, die die Gruppe selbst auf die Widersprüche bringen, ohne die Antwort vorzugeben. Genauso wichtig ist der zweite Schritt: Die Gruppe wieder loszulassen. Zu viel Begleitung stört den Denkprozess», sagt Meyer.

«Studierende mit der richtigen Unterstützung können wirkungsvolle Innovation schaffen.»

Luca Invernizzi
Student

Der Pitch

Was beim Pitch zählt, ist nicht das Design der Folien. Es ist die Fähigkeit, eine Idee in 12 Minuten so zu präsentieren, dass jemand, der sein Geld damit verdient, Investitionen zu beurteilen, das Konzept versteht und einschätzen kann. «Der Pitch war extrem wertvoll. Er gab uns ein erstes Feedback aus der ‹realen Welt›, die Möglichkeit, unsere Idee an erfahreneren Personen zu testen und half uns, die potenziellen Probleme zu identifizieren, die ein Investor vor einer Investition gelöst sehen wollte. So wurde der Pitch zu einem entscheidenden Schritt, um aus einer theoretischen Vision ein konkretes, realisierbares Projekt zu machen», erinnert sich Invernizzi.

Was danach geschah

Normalerweise endet eine solche Aufgabe mit dem Pitch. Note ist gut, Modul ist abgeschlossen, das Semester läuft weiter. In diesem Fall aber nicht. «Ich hatte eine Projektidee vor mir, die Potenzial hatte und niemand, der sie weiterführte. Also nahm ich sie selbst in die Hand. Ausserhalb des Lehrplans. Heute ist es ein funktionierendes Produkt: Ich kann aus PET-Flaschen mit überschaubarem Aufwand Filament herstellen und es mit einem handelsüblichen 3D-Drucker verarbeiten. Ganz neu ist das nicht. Beim Recherchieren habe ich gemerkt, dass andere bereits ähnliche Versuche gemacht haben. Aber ein fertiges, integriertes Produkt gab es nicht. Also habe ich punktuell Bestehendes übernommen, punktuell selbst entwickelt. Ganz nach dem Leitsatz: Copy, Adapt, Paste», führt Meyer aus.

Was wir mitgenommen haben

«Persönlich hat mich beeindruckt, dass aus unserer Schulidee ein funktionierender Prototyp entstand. Anfangs dachte ich, echte Innovation sei nur mit jahrelanger Erfahrung möglich. Heute weiss ich: Gerade Studierende mit der richtigen Unterstützung können wirkungsvolle Innovation schaffen. Meine Leidenschaft hat mir geholfen, mich nicht mit einer blossen Idee zufriedenzugeben, nur um eine gute Note zu bekommen, sondern etwas zu entwickeln, das wirklich Wirkung zeigt und in der Praxis nutzbar ist», sagt Invernizzi.

Dozent Philipp Meyer nimmt drei Dinge aus der Geschichte mit: «Innovation beginnt mit dem Problem, nicht mit der Lösung. Widerstände sind kein Scheitern, sondern Feedback. Und: Gute Ideen brauchen keine perfekten Bedingungen.»

Und wie geht es jetzt weiter? Der Prototyp steht bei Philipp Meyer im Büro und wird laufend getestet. «Die Prozessstabilität wäre jetzt auf jeden Fall etwas, was man weiter betrachten könnte, aber auch noch andere Themen, die sich aufgetan haben in Bezug auf die Materialbeschaffenheit.»

«Im Innovationsmanagement beginnt alles mit einer einfachen Frage: Für wen lösen wir welches Problem?» 

Dr. Philipp Meyer
Dozent

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