FFHS-Forschung beleuchtet Eisenmangel in Schwangerschaft und Stillzeit
Eisenmangel zählt weltweit zu den häufigsten Nährstoffmängeln. Besonders während der Schwangerschaft und Stillzeit steigt der Eisenbedarf deutlich an. Ein neuer Übersichtsartikel von FFHS-Professor Dr. Diego Moretti und der ETH-Doktorandin Laura Wasserfallen fasst die wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen 18 Monate zusammen und zeigt, wo die Forschung noch Wissenslücken hat.

Während der Schwangerschaft ist es besonders wichtig, genügend Eisen zu sich zu nehmen. (Foto: Adobe Stock)
Eisen ist lebenswichtig: Es bildet rote Blutkörperchen, unterstützt die Immunabwehr und sorgt dafür, dass Sauerstoff durch den Körper transportiert wird. Dennoch zählt Eisenmangel zu den häufigsten Nährstoffmängeln weltweit. Schätzungen der WHO zufolge sind mehr als eine Milliarde Menschen davon betroffen. Besonders häufig sind dies Frauen, die durch die Menstruation regelmässig Blut verlieren und deshalb mehr Eisen benötigen als Männer. Die Folgen reichen von Konzentrationsproblemen und Müdigkeit bis hin zu Blutarmut, was das Risiko von Schwangerschaftskomplikationen deutlich erhöhen kann.
Während der Schwangerschaft müssen nicht nur die werdende Mutter, sondern auch das heranwachsende Kind mit Eisen versorgt werden. In dieser Zeit ist es besonders wichtig, genügend Eisenspeicher vorsorglich anzulegen. Insgesamt verbraucht eine Frau während der Schwangerschaft rund 1000 Milligramm Eisen, etwa ein Drittel des körpereigenen Eisens eines erwachsenen Menschen. «Die Schwangerschaft ist ein Eisenverlustgeschäft», sagt Prof. Dr. Diego Moretti von der FFHS. Gemeinsam mit der Doktorandin Laura Wasserfallen von der ETH Zürich hat er kürzlich einen Übersichtsartikel zu den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen rund um Eisenmangel in Schwangerschaft und Stillzeit verfasst, welcher im November im internationalen Fachjournal «Current Opinion in Clinical Nutrition & Metabolic Care» veröffentlicht wird.
Messen statt schätzen
Die vielleicht überraschendste Erkenntnis der Forschenden: Die heutigen Empfehlungen zum Eisenbedarf in der Schwangerschaft beruhen grösstenteils auf Schätzungen und Berechnungen des südafrikanischen Eisenforschers Thomas H. Bothwell und nicht auf direkten Messungen. Seine Modelle berücksichtigen Faktoren wie die Gewichtszunahme der Mutter, das wachsende Blutvolumen sowie die Entwicklung von Plazenta und Kind. Bothwells Annahmen seien bemerkenswert, sagt Diego Moretti. «Doch weil Eisenmangelanämie ein weitreichendes Problem in der Bevölkerung und besonders in der Schwangerschaft ist, sollten diese Annahmen durch unabhängige Messungen objektiv bestätigt werden.» Eine solche Studie leitet Laura Wasserfallen derzeit in Kenia.
Gerade weil der Eisenbedarf während der Schwangerschaft stark ansteigt, ist eine regelmässige Kontrolle der Eisenwerte wichtig. Ein möglicher Mangel lässt sich heutzutage gut erkennen. Neben dem Blutbild liefert insbesondere der Ferritinwert Hinweise darauf, ob die Eisenspeicher des Körpers ausreichen. Sinken diese während der Schwangerschaft deutlich ab, können Ärztinnen und Ärzte frühzeitig Gegenmassnahmen einleiten. «Wenn die Eisenspeicher ausreichen, lässt sich der zusätzliche Bedarf während der Schwangerschaft häufig gut decken», sagt Moretti. Reichen die Reserven nicht aus, können je nach Situation Eisenpräparate oder hochwirksame Eiseninfusionen den Körper mit Eisen versorgen.
Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Entgegen einem verbreiteten Missverständnis enthalten fleischlose Ernährungsweisen oft viel Eisen. Allerdings wird dieses vom Körper weniger gut aufgenommen als Eisen aus tierischen Quellen. «Eine vegetarische oder vegane Ernährung kann sehr eisenreich sein. Entscheidend ist jedoch, wie gut das Eisen absorbiert wird», erklärt Moretti. Die Aufnahme lasse sich beispielsweise durch Vitamin-C-reiche Lebensmittel fördern.
Die unterschätzte Zeit nach der Geburt
Während Eisenmangel während der Schwangerschaft relativ gut erforscht ist, gilt dies nicht für die Zeit danach. Eine wichtige Forschungslücke sehen Moretti und Wasserfallen in der Stillzeit. Bislang gibt es nur wenige direkte Daten dazu, wie sich der Eisenhaushalt von Frauen nach der Geburt entwickelt und wie sich die Eisenspeicher in dieser Phase verändern. Allgemein gebe es gemäss Moretti vergleichsweise wenig Forschung zur Nachgeburtsphase, da Gesundheitssysteme eher auf die Geburt fokussiert seien.
Dabei könnte gerade die stillbedingte Pause der Menstruation eine wichtige Rolle spielen, um erschöpfte Eisenreserven wieder aufzufüllen. Nach Ansicht der Forschenden erhält die Phase nach der Geburt bislang zu wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Denn eine gute Eisenversorgung als Teil einer vielseitigen Diät bleibt auch nach der Geburt für Mutter und Kind wichtig.