17.11.2022

«Die zunehmende Komplexität der Bauindustrie stellt Bauherren vor grosse Herausforderungen»

Daniel Büchele ist Bauherrenvertreter bei Helbling Beratung + Bauplanung AG und Co-Studiengangsleiter des CAS Bauherrenkompetenz. Im Interview spricht er über die zunehmende Komplexität im Bauwesen und Trends, die nicht immer unbedingt neu sind.

BIM, ESG, IPD, Design-Build, Early-Stage Design, Kreislaufwirtschaft, NetZeroCo2, NewWork… die Liste relativ neuer Schlagwörter mit Einfluss auf Bauprojekte würde sich noch beliebig erweitern lassen. Befindet sich die Baubranche gerade in einem fundamentalen Wandel?
Das glaube ich persönlich nicht. Es kommt immer darauf an, was man unter einem fundamentalen Wandel versteht. In der Schweiz ist meiner Meinung nach eine sehr ausgeprägte Baukultur vorhanden, welche einem wirklich fundamentalen Wandel entgegensteht. Das möchte ich aber gar nicht als negativ bewerten, weil die Ergebnisse im Sinne der Qualität der Bauwerke selbst und auch im städtebaulichen Kontext aus meiner Sicht zufriedenstellend sind. Der Weg zum Ergebnis ist aber kritisch zu hinterfragen, darauf beziehen sich ja viele dieser neuen Buzzwords. Das zweite grosse Themengebiet ist natürlich Nachhaltigkeit, aber dieses ist viel breiter gefächert als noch vor 10 Jahren im Sinne einer weiterentwickelten Form der Corporate Social Responsibility. Wirklich neu sind die meisten Themengebiete, wenn man sie sich im Detail betrachtet aber nicht. Vielmehr sind es aus meiner Sicht natürliche Entwicklungen entlang der übergeordneten technologischen Fortschritte und der politischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Wo sehen Sie heute die Herausforderungen für einen Bauherren im Vergleich zu früher?
Zunächst einmal ist ein Bauherr mit einer stetigen Zunahme an Komplexität konfrontiert. Die beginnt bei sich ständig ändernden und sich weiterentwickelnden normativen und gesetzlichen Rahmenbedingungen und führt damit zu immer höheren Anforderungen an ein Bauwerk selbst. Auch aus diesem Grund und auf Basis des natürlichen Fortschrittes im Bereich von Materialien, Konstruktionsweisen und Technologien benötigt heute ein Bauprojekt bereits eine unglaubliche Anzahl an Planern und Fachspezialisten, was wiederum die Komplexität der Projektorganisation und Bestellung massgeblich erhöht hat. Des Weiteren werden dem Bauherren durch andere Branchenakteure permanent neue Methoden, Organisationsformen oder Technologien angeboten, welche gemäss den täglichen Posts auf den Social-Media-Kanälen Allheilsbringer sein sollen. Eine klare Haltung und Bildung einer eigenen Meinung zu diesen Themengebieten gestaltet sich aus meiner Sicht für den Bauherren als schwierig und sehr zeit- und ressourcenintensiv, ist aber zwangsläufig notwendig, um nicht zum Spielball der anderen Akteure zu werden.   

Wo sehen Sie die Herausforderungen für die Industrie im Allgemeinen?
Kurz- und mittelfristig in der Wiederherstellung einer vollständig funktionierenden Supply-Chain, dem Umgang mit der Teuerung und einer möglichen Rezession und einer damit gedämpften Nachfrage. Langfristig hoffe ich, dass sich das Thema ESG nachhaltig etabliert und auch gelebt wird. Wir haben mit unserer Industrie über den kompletten Life-Cycle einer Immobilie die Chance massgeblich positiven Einfluss auf unsere Treibhausgasbilanz zu nehmen und auch die Berücksichtigung sozialer Aspekte noch viel stärker auszuprägen.

Denken Sie, dass sich die aktuellen Trends im Bau langfristig durchsetzen?
Ob sich Planungsmethoden wie BIM oder neue Projektorganisationsformen wie IPD oder Design-Build gesamtheitlich durchsetzen, wird sich meiner Meinung nach noch zeigen. Für den Bauherren ist der propagandierte Mehrwert noch nicht nachhaltig und stetig vorhanden, aber natürlich wird die Digitalisierung auch in unserer Branche weiter Einzug halten und somit auch einen massgeblichen Einfluss auf diese haben. Es gilt jedoch die Digitalisierung nicht nur der Digitalisierung wegen zu betreiben, sondern gezielt dort einzusetzen, wo auch entsprechende Verbesserungen der Wertschöpfungsketten unter Berücksichtigung der Kosten garantiert sind. Ich hoffe allerdings auch, dass sich die Planungs- und Baubranche, wie auch die Bildungseinrichtungen sich nicht zu stark auf rein digitale Lösungsansätze fokussieren und dabei wesentliche Grundausbildungselemente vernachlässigen. Im Allgemeinen glaube ich auch, dass wir uns vermehrt wieder dem Thema Kommunikation widmen sollten. Die rasante Einführung neuer digitaler Kommunikationsmittel ist aus meiner Sicht Chance und Gefahr zugleich und eine geordnete und zielgerichtete Kommunikation bleibt aus meiner Sicht ein ganz wesentlicher Grundstein für die erfolgreiche Durchführung eines Bauprojektes.

Das CAS Bauherrenkompetenz versteht sich als Einführung in das Themenfeld «Bauherrenkompetenz». Was lernen die Studierenden?
Zunächst einmal möchten wir ihnen die Basics in Bezug auf die Bauherrenrolle und damit einhergehend die entsprechenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten entlang der klassischen Bauprojektphasen vermitteln. Des Weiteren erscheint uns wichtig, auf Basis der aktuellen Branchenentwicklung und zuvor beschriebenen Systemkomplexität systematisch Schwerpunkte zu setzen wie beispielsweise im Bereich Projektorganisation oder Nachhaltigkeit.

Wie gewährleisten Sie den Praxisbezug?
Der Praxisbezug ist uns eigentlich das wichtigste Anliegen. Unsere Lehrinhalte richten sich am Bedarf der Wirtschaft und der Öffentlichen Hand aus und sollen sich somit auch sukzessive und stetig ein Stück weit weiterentwickeln, wie sich die Branche eben selbst auch gerade sehr dynamisch weiterentwickelt. Hierfür führen wir einen offenen Dialog mit der Industrie und anderen Bauherren, um noch besser zu verstehen, welche Fähigkeiten, Kompetenzen und Fachthemengebiete tatsächlich gefragt, respektive notwendig sind.

Können die Studierenden ihre Unternehmenssicht im Studium einbringen?
Natürlich sollen die Studierenden sogar ihre Unternehmenssicht mit einbringen. Was gib es Spannenderes, als ein Themengebiet aus unterschiedlichsten möglichst heterogenen Sichtweisen mit den Studierenden zu diskutieren? Dieses Verständnis für die Rollen, Sichtweisen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten der anderen massgeblich an einem Bauprojekt beteiligter Akteure ist aus meiner Sicht ein zentraler Erfolgsfaktor für ein erfolgreiches Bauprojekt. Nur aus diesem Verständnis heraus lässt sich eine effiziente Projektorganisationen und klare Bestellungen formulieren.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft der Bauindustrie?
Einen offeneren und ehrlicheren Umgang der einzelnen Akteure miteinander. Um die Interessenskonflikte  zu Gunsten von Qualität und Effizienz verbessern zu können, braucht es nicht nur die Einführung neuer Projektorganisationsmodelle, sondern einen nachhaltigen kulturellen Wandel der einzelnen Akteure.

Die FFHS bietet regelmässig spannende Weiterbildungen im Bau an. Besuchen Sie einen unserer Infoanlässe.