26.08.2025

Wie die Zusammensetzung von Verwaltungsräten die Innovation beeinflusst

Wie muss ein Verwaltungsrat zusammengesetzt sein, damit er die Innovationskraft eines Unternehmens stärkt? Um das herauszufinden, analysierte Luca Ehrismann für seine Masterthesis die Verwaltungsräte der 100 grössten Schweizer Unternehmen – seine Ergebnisse überraschen und räumen mit Klischees auf.

Luca Ehrismann, Absolvent des Masters in Business Administration an der FFHS, hat beruflich Erfahrung im Executive Search. Immer häufiger beobachtete er, dass Unternehmen gezielt nach Führungskräften mit MINT-Hintergrund suchen. Parallel verfolgte er die öffentliche Debatte rund um Diversität in Verwaltungsräten. Doch welchen Einfluss hat die Zusammensetzung von Verwaltungsräten? Begünstigen divers aufgestellte Verwaltungsräte die Innovationskraft eines Unternehmens? Ehrismann stellte fest, dass es bislang zu wenig Forschung darüber gibt – die Idee zu seiner Masterarbeit war geboren.

Ehrismann untersuchte für seine Thesis die Verwaltungsräte der 100 grössten Arbeitgeber der Schweiz. Darunter auch namhafte, wie jener von Roche. Dieser stach in Sachen Innovationskraft mit seinen 754 Patentanmeldungen im Jahr 2023 besonders hervor. Die wichtigsten Erkenntnisse seiner Arbeit lassen sich auf wenige Punkte verdichten: Die Innovationskraft steigt mit einer internationalen Zusammensetzung des Verwaltungsrats, naturwissenschaftlich-technischen Hintergründen, einem ausgewogenen Altersmix sowie einer begrenzten Verweildauer im Gremium. Langjährige Mitgliedschaften dagegen wirken hemmend. Dass ältere Mitglieder per se innovationsfeindlich seien, konnte die Arbeit nicht bestätigen – im Gegenteil. 

Ausgewogener Altersmix ist entscheidend 

Entgegen gängigen Klischees – etwa der Annahme, eine Überzahl an älteren weissen Männern im Verwaltungsrat könne Innovation bremsen, zeigte die Analyse ein differenzierteres Bild. «Am überraschendsten war, dass ältere Verwaltungsräte leicht innovationsfördernd wirken», erklärt Luca Ehrismann. Es gab noch weitere überraschende Ergebnisse, wie etwa: «Ein höherer Frauenanteil im Verwaltungsrat korreliert nicht signifikant positiv mit Innovation». 

Der Frauenanteil bei den untersuchten Verwaltungsräten lag im Schnitt bei 31 Prozent, der grösste Anteil bei einem einzelnen Gremium lag bei über 40 Prozent. Zwar zeigt sich gemäss Ehrismann eine leichte positive Tendenz, dass der Frauenanteil sich auf die Innovation positiv auswirkt, allerdings nicht statistisch signifikant. «Das liegt vermutlich daran, dass Diversität allein nicht reicht. Das spricht nicht gegen Frauen in Verwaltungsräten, sondern für eine gezielte Auswahl mit Blick auf Kompetenzvielfalt». 

Verwaltungsräte in der Schweiz sind oft auch politisch – es gibt unzählige Politikerinnen und Politiker, die in solchen Gremien sitzen. Die politische Zusammensetzung hat der Autor nicht explizit untersucht. Sein Fokus lag auf Alter, Geschlecht, Nationalität und Bildungshintergrund. Allerdings wurde die Politik in den Interviews mit den befragten Mitgliedern einzelner Verwaltungsräte teilweise thematisiert. «Hier herrschte die Meinung vor, dass politisch geprägte Gremien oft zögerlicher bei disruptiven Innovationen sind», sagt Ehrismann.   

Schweiz im internationalen Vergleich gut aufgestellt

Auch wenn die Studie keinen direkten Ländervergleich enthält, wird deutlich: Die Schweiz ist im internationalen Vergleich stark aufgestellt – etwa bei F&E-Investitionen (Forschung und Entwicklung) und der Patentleistung. Dennoch bestehen im Bereich der Diversität und Innovationskultur im Vergleich zu Regionen wie der Bay Area in San Francisco oder Baden-Württemberg noch Potenzial. 

Das Fazit des Autors: Unternehmen sollten auf Diversität setzen – aber nicht als Selbstzweck. Entscheidend sei ein qualifiziertes Diversitätsverständnis, das nicht nur auf Geschlecht oder Alter abziele, sondern auf Kompetenzen, internationale Perspektiven und ein offenes Mindset. «Diese Diversität bringt erwiesenermassen die höchste Innovationskraft», betont Ehrismann.  

Zur Methodik

Für seine Masterthesis hat Luca Ehrismann quantitative Daten aus dem Schillingreport (dieser Report erhebt seit 2006 die Daten zur Zusammensetzung der Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte der rund 100 grössten Schweizer Arbeitgeber) mit Innovationsdaten von Statista kombiniert. Ergänzt wurden diese durch qualitative Interviews mit Verwaltungsratspräsidentinnen und Verwaltungsratspräsidenten. Die Auswertung erfolgte durch deskriptive Statistik und Korrelationen.