«Digitale Prüfungen stärken die Chancengerechtigkeit»
Seit der Corona-Pandemie führt die FFHS sämtliche Prüfungen digital durch – ein Schritt, der weit über technische Anpassungen hinausging. Jetmire Sadiki, Leiterin E‑Assessment, spricht im Interview darüber, was sich verändert hat, welche Herausforderungen bestehen und wie Schummeln vorgebeugt wird.
Seit der Corona-Pandemie sind an der FFHS alle Prüfungen digital. Welche nachhaltigen Veränderungen hat dieser Schritt für die Prüfungskultur gebracht?
Die Umstellung auf vollständig digitale Prüfungen war für uns weit mehr als ein technischer Wechsel. Wir konnten Prüfungen didaktisch weiterentwickeln, da digitale Formate mehr Raum für anwendungsorientierte Aufgaben bieten. Unsere Studierenden nutzen während des Semesters bereits digitale Tools, die sie häufig in den Prüfungen weiterverwenden können.
Nachhaltig verändert hat sich auch der Prozess: Die Abwicklung ist effizienter und weniger fehleranfällig geworden. Zudem ermöglichen Online-Prüfungen gerechtere Bedingungen, etwa durch barriereärmere Designs oder einheitliche Aufsichtslösungen für alle. Damit können wir auch Studierenden mit Nachteilsausgleichen ein gutes Prüfungssystem anbieten.
Die FFHS ermöglicht Studierenden, Prüfungen wahlweise am Campus oder zu Hause zu absolvieren – bei vollständig digitalen Prüfungen. Was macht dieses Modell aus Ihrer Sicht in der Hochschulwelt einzigartig?
Es ist deshalb einzigartig, weil es die Vorteile digitaler Prüfungen konsequent mit echter Wahlfreiheit kombiniert. Die meisten Hochschulen bieten heute «nur» klassische Campusprüfungen an, andere «nur» Online-Prüfungen zu Hause. Bei uns entscheiden die Studierenden selbst, welche Umgebung für sie die besten Prüfungsbedingungen bietet. Diese Wahlmöglichkeit stärkt die Chancengerechtigkeit enorm. Wer lange Anreisen, familiäre, berufliche oder sportliche Verpflichtungen oder gesundheitliche Einschränkungen hat, kann Prüfungen flexibel in seinen Alltag integrieren. Gleichzeitig profitieren jene, die sich im Campussetting sicherer fühlen, weiterhin von einer professionellen Aufsicht vor Ort.
Ich nehme an, die Prüfung zu Hause abzulegen, ist beliebt unter den Studierenden?
Ja, die Möglichkeit, Prüfungen zu Hause abzulegen, ist tatsächlich sehr beliebt, vor allem wegen der zeitlichen und räumlichen Flexibilität.
Welche Herausforderungen bringt dieses Format für die Hochschule mit sich?
Eine zentrale Herausforderung ist die Sicherung der Prüfungsintegrität. Wir müssen gewährleisten, dass Prüfungen zu Hause unter vergleichbaren Bedingungen stattfinden wie am Campus. Das betrifft sowohl technische Aspekte, etwa stabile Plattformen, zuverlässige Identifikations- und Aufsichtsmechanismen, als auch didaktische Fragen wie geeignete Aufgabenformate, die nicht anfällig für unerlaubte Hilfsmittel sind.
Weiter braucht es ein hohes Mass an Support- und Kommunikationsstrukturen. Studierende müssen wissen, wie sie sich technisch vorbereiten und an wen sie sich wenden können. Deshalb investieren wir in Video-Tutorials, Checklisten, Testläufe und einen gut erreichbaren technischen Support während den Prüfungsphasen. Bei Home-based-Prüfungen sind wir zusätzlich auf die häusliche Infrastruktur der Studierenden angewiesen. Unterschiedliche Internetverbindungen, private Geräte oder potenzielle Störungen im Wohnumfeld können die Prüfung beeinflussen.
«Bei uns entscheiden die Studierenden selbst, welche Umgebung für sie die besten Prüfungsbedingungen bietet.»
Wie kontrollieren Sie, dass nicht geschummelt wird?
Für uns steht bei digitalen Prüfungen nicht Kontrolle im Vordergrund, sondern die Kombination aus verschiedenen Komponenten. Viele unserer digitalen Prüfungen sind bewusst so gestaltet, dass klassisches Schummeln wenig bringt: Transferaufgaben oder Fallstudien lassen sich nicht einfach nachschlagen oder kopieren. Dadurch steigt die Aussagekraft der Prüfung automatisch und der Anreiz zum Schummeln sinkt. Zusätzlich führen wir Identitätschecks sowohl am Campus als auch zu Hause durch und geben Vorgaben zur Arbeitsumgebung und zur Nutzung von Hilfsmitteln. Die Studierenden wissen, was erlaubt ist und was nicht, das schafft Sicherheit auf beiden Seiten. Zudem kommt ein Proctoring-System zum Einsatz. Unser Fokus liegt dabei immer auf Verhältnismässigkeit, Datenschutz und Fairness. Ergänzend dazu haben wir etablierte Verfahren, um Auffälligkeiten abzuklären, etwa bei ungewöhnlichen Antwortmustern oder technischen Vorfällen.
Ab dem Herbstsemester 2025/26 setzt die FFHS ein neues Proctoring-System ein. Welchen Mehrwert bietet das neue System für Studierende?
Das neue Proctoring-System schafft für unsere Studierenden einen deutlichen Mehrwert, insbesondere in Bezug auf Fairness, transparente Beaufsichtigung und eine zuverlässige Auswertung der Prüfungen. Zudem führt das System die Studierenden schrittweise durch die Vorbereitung, sodass sie ohne grossen Aufwand optimal auf den Prüfungsstart eingestellt sind. Uns ist bewusst, dass die erstmalige Nutzung des neuen Systems für viele mit zusätzlichem Aufwand verbunden war. Mit zunehmender Erfahrung werden die Studierenden jedoch immer routinierter und können den Prüfungsprozess künftig deutlich effizienter durchlaufen.
Wie fielen die Feedbacks aus?
Die Mehrheit der Studierenden hat die Gesamterfahrung insgesamt mit «gut» bewertet. Es gab aber auch Rückmeldungen zu Problemen. Diese betrafen den Zeitdruck während der Prüfung oder auch eine ungenügende Vorbereitung vor den Prüfungen. Weiter gaben einzelne Studierende auch Performanceprobleme ihres Laptops in Kombination mit dem Proctoring-System, zur digitalen Stifteingabe sowie zur Usability auf ExamMoodle in der Befragung an. Wir sind bereits dabei gezielte Optimierungen vorzunehmen.
Wie beeinflussen digitale Prüfungen das Prüfungsdesign für Dozierende – und welche didaktischen Prinzipien gewinnen dabei an Bedeutung?
Digitale Prüfungen eröffnen neue Möglichkeiten, stellen aber auch neue Anforderungen an die Didaktik. Für Dozierende bedeutet das vor allem: weg von reinen Reproduktionsaufgaben, hin zu kompetenzorientierten und authentischen Leistungsnachweisen. Diese Formate erhöhen den praktischen Wert der Prüfung. Trotzdem gibt es auch eine Tendenz hin zu Prüfungen ohne Hilfsmittel, bei denen die Studierenden zeigen müssen, dass sie die Lernziele ohne Hilfe erreicht haben.
Wenn Sie nach vorne blicken: Wo sehen Sie den nächsten Entwicklungsschritt im E-Assessment?
Zum einen kann ich mir vorstellen, dass wir künftig zeitlich flexiblere Prüfungen haben werden. Zum anderen wird wohl der nächste grosse Entwicklungsschritt sein, mit neuen Tools und KI‑gestützten Umgebungen praxisnahe Szenarien realistisch darzustellen und zu prüfen. Studierende könnten künftig komplexere Entscheidungen treffen, Muster analysieren oder reale Problemstellungen bearbeiten, ähnlich wie im Berufsalltag. Ein zentraler Schritt wird darin bestehen, Prüfungsformate zu entwickeln, bei denen der Einsatz von KI nicht verboten werden muss, sondern bewusst didaktisch eingebunden wird.

