23.03.2026

«Qualität ist Gleichmässigkeit»

Qualität ist für Dozent Marcel Weder mehr als ein Fachgebiet – sie ist Haltung, Erfahrung und Anspruch zugleich. Vom seinem Einstieg in der Industrie bis zur Lehre an der Hochschule zieht sich ein roter Faden: Verlässlichkeit, Präzision und kontinuierliche Verbesserung. Im Interview erklärt er, warum Qualität immer bei den Menschen beginnt, was Organisationen davon lernen können – und wie Studierende davon profitieren.

Marcel Weder, Sie haben viele Jahre Qualitätsmanagement im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen unterrichtet. Was bedeutet Qualität für Sie persönlich?
Qualität ist mein Leben und begleitet mich bereits seit meiner Kindheit: Ich bin der Sohn des ersten Qualitätsexperten der Weltunternehmung Leica der 1980er Jahre. Die von japanischen und US-amerikanischen Produktionsspezialisten entwickelten Qualitätsmethoden erreichten damals Westeuropa. Nach meiner Berufslehre bei Leica und meinem Elektronikingenieurstudium trat ich meine erste Stelle bei Siemens Automotive als Qualitätsingenieur an und wurde in Frankfurt/Main zum FMEA-Spezialisten geschult. An der St. Gallischen ZbW bildete ich mich zum Qualitätsingenieur weiter. Später machte ich Sulzer Winterthur mit den dabei erlernten Qualitätsmethoden bekannt.

Sie kommen ursprünglich aus der Industrie. Welche Rolle spielt Qualitätsdenken dort – und was kann eine Hochschule davon lernen?
Bei Leica hatte ich Präzision erlernt. Ein Lebensstil, der Verlässlichkeit verinnerlichen lässt und den Charakter schult. Die Schweiz ist ein Hochpreisland und deshalb stets unter Preisdruck. Ein hoher Preis muss mit einem hohen Gegenwert, sprich Qualität, die Waage halten. Diesen Weg muss die Schweizer Industrie mit Konsequenz weitergehen. Bewährte Q-Methoden vermögen Qualität hervorzubringen. Dabei unterscheiden sich Q-Sicherungssysteme von Q-Methoden: Erstere bezeugen Qualität – letztere erzeugen Qualität. Hochschulen können sich diese Kultur organisational aneignen und Studierenden zuführen.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Elemente, damit Qualität in einer Organisation wirklich gelebt wird?
Qualität und Zuverlässigkeit ist eine Charakterfrage und verlangt von uns die Reflexion: Wer sind wir heute? Wer wollen wir morgen sein? Das entspricht einer Positionierung gegenüber dem Markt sowie den Kunden und bedeutet Identität. Diese Identität gilt es durch Organisationsverantwortliche zu beschreiben und den Mitarbeitenden zu vermitteln. Der Weg vom heute ins morgen ist eine Transformation. Auf diesem Weg muss man die Menschen mitnehmen. Der deutsche Digitalisierungsexperte Kai Reinhardt attestierte 2020, dass digitale Transformationen von Organisationen zu 90 % deshalb scheitern, weil die Verantwortlichen die Menschen, das wichtigste Element, nicht auf die neue Reise mitnehmen.

Welche Kompetenzen im Bereich Qualitätsmanagement sind heute für Studierende besonders wichtig?
Studierende müssen verstehen und transportieren können, was Qualität bedeutet. Eine einfache und treffende Definition ist: «Qualität ist Gleichmässigkeit». Dahinter steckt die Idee der Gauss’schen Normalverteilung: Gute Qualität heisst, dass Ergebnisse möglichst konstant und ohne grosse Abweichungen entstehen. In der Praxis bedeutet das, Schwankungen zu reduzieren und Fehler zu vermeiden – zum Beispiel mit Methoden wie FMEA oder Poka-Yoke.

Wenn Sie an die FFHS denken: Was zeichnet für Sie gute Qualität in Studium und Lehre aus?
Auch in der Wissensaneignung gibt es Methoden, die eine stärkere Stoffverankerung erzeugen. Im Sinne der Gleichmässigkeit gilt es für Studierende an der FFHS, sich regelmässig mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen – buchstäblich häppchenweise, wie beim Essen. Es ist dies eine Frage der Selbstorganisation und der Eigendisziplin. Die FFHS bietet Lernforschung-entsprechende, digital-interaktive Instrumente, die den Studierenden soliden Lernfortschritt und eine wirksame Stoffverankerung ermöglichen. Dozierende werden mit didaktischen Weiterbildungen auf die digital-interaktive Reise regelmässig mitgenommen, um dadurch mit modernsten Didaktik-Erkenntnissen/-Instrumenten und Unterrichtsmethoden vertraut zu werden.