Interview: Natascha Ritz 05.07.2022

Eine Professur, die viel bewegt

Dr. Sonja Kahlmeier wurde zur Professorin für Gesundheitsförderung unter besonderer Berücksichtigung der Alltagsbewegung ernannt. Was ihr Forschungsgebiet beinhaltet und wie sie sich persönlich bewegt, erzählt sie im Interview.

Frau Kahlmeier, was erforschen Sie?
Ich untersuche die unterschiedlichen Aspekte der Bewegung. Sport ist das Naheliegendste, aber ich erforsche auch Alltagsbewegung. Mich beschäftigt die Frage, wie man Städte und Gemeinden so gestalten kann, dass Bewegung gefördert wird.

Warum ist es wichtig, auch Alltagsbewegung zu untersuchen?
Sport ist nicht für alle attraktiv, sei es aus finanziellen Gründen, da Abos oder Sportgeräte teuer sind, oder weil man Vorbehalte hat. Daher ist die Bewegung im Alltag für viele die bessere Option. Sie ist nicht zeitintensiv, denn man bewegt sich ja ohnehin von A nach B und kann dies oft einfach zu Fuss oder mit dem Velo tun anstatt mit Auto oder öV.

Das heisst, die Förderung von Bewegung, die eher unbewusst geschieht?
Genau. Die Bewegungsförderung hat zwei Ansätze, die Gruppenebene und die persönliche Ebene. Auf der persönlichen Ebene sind Kampagnen ein guter Weg. Wir kennen zum Beispiel die Anti-Raucher-Kampagnen oder die HIV-Kampagne des Bundes. Wenn ein Thema neu auf der Agenda ist, funktioniert das gut. Bei der Bewegung ist es anders. Wir alle wissen, dass es gut wäre. Da ist die Verhältnisprävention der wichtigere Weg.

Ein sperriger Begriff, Verhältnisprävention…
Er meint ganz einfach, dass man das Umfeld so gestaltet, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, sich den Verhältnissen angepasst zu bewegen. Amsterdam ist ein gutes Beispiel; in der Innenstadt mit dem Auto unterwegs zu sein, ist extrem mühsam, es ist ausgerichtet auf Velofahrer. Das war in den 70er-Jahren ein bewusster politischer Entscheid.

Wie sieht es diesbezüglich in der Schweiz aus?
In der Schweiz hat man 2020 das Veloweggesetz verabschiedet, das war überfällig. Wir haben eines der grössten Wanderwegnetze in Europa, das wird auf Bundesebene gefördert. Bei Velowegen bisher noch nicht. Die Kantone sind nun in der Pflicht, für ein zusammenhängendes und sicheres Velowegnetz zu sorgen.

Kurz zusammengefasst beschäftigen Sie sich mit der Frage, wie man Menschen zu mehr Bewegung motiviert, sei es zu Fuss gehen oder Velofahren?
Oder eben Sport. Das ist aber nicht alles. Es geht auch um Bewegung am Arbeitsplatz im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM). Langes Sitzen über viele Stunden ist nicht gut. Die negativen Gesundheitseffekte müssen kompensiert werden. Höhenverstellbare Pulte sind z.B. sehr hilfreich, oder Drucker zentral in den Stockwerken zu platzieren. Auch Mitarbeitende zum Sport zu motivieren, etwa über eine Jogginggruppe. Aber man muss Massnahmen so umsetzen, dass sie nicht nur jene erreichen, die sich ohnehin schon viel bewegen. Sonst wird die Lücke zu denjenigen, die sich nicht gerne bewegen, noch grösser.

Wie schafft man das?
Man muss die Mitarbeitenden einbeziehen und fragen: «Was kann dir helfen?». Die Angebote müssen niederschwellig gestaltet sein. Burnout und Stress sind heute ein Riesenthema und Bewegung ist eines der wirksamsten «Medikamente» für mentale und körperliche Gesundheit. Die Investitionen in gut gemachtes BGM lohnen sich, das ist evidenzbasiert.

Sie wurden zum Jahresende 2021 zur Professorin für Bewegungsförderung ernannt. Was bedeutet die Professur für Sie persönlich und für die FFHS?
Persönlich ist es eine Riesenfreude und Anerkennung. Letztes Jahr habe ich zudem die Habilitation erhalten – zwei Highlights in kurzer Zeit. Für die FFHS bringt die Professur mehr Sichtbarkeit und Anerkennung von aussen und zeigt auf, dass wir wertvolle, akademisch anerkannte Forschung betreiben.

Können Sie eines Ihrer Forschungsprojekte kurz erläutern?
Ich nenne zwei, um die Vielfalt aufzuzeigen. Für das Bundesamt für Sport haben wir Sportfördermassnahmen für Kinder und Jugendliche von sieben europäischen Ländern identifiziert, die wirksam, nachhaltig, innovativ und auf die Schweiz übertragbar sind. Das zweite betrifft das Health Economic Assessment Tool der WHO, welches eine Kostenschätzung des Gesundheitsnutzens von zu Fuss gehen und Fahrradfahren ermöglicht.

Leben Sie, was Sie forschen? Anders gefragt, welche Rolle spielt Bewegung in Ihrem Alltag?
Ich bin als berufstätige Mutter eine von denen, die wenig Zeit für Sport haben. Aber ich versuche darum, soviel Bewegung wie möglich im Alltag einzubauen, wie z. B. im Büro die Treppe zu benützen. Seit zwei Jahren fahre ich mit dem E-Bike zum etwas weiter entfernten Bahnhof. Ausserdem mache ich etwas Krafttraining, laufe viel und fahre Ski.

Was sind Ihre Zukunftspläne? In welche Richtung möchten Sie die Forschung im Bereich Gesundheit entwickeln?
Das Forschungsfeld Ernährung möchte ich weiter stärken, da sind wir sehr erfolgreich unterwegs. Dann möchte ich den Themenbereich Bewegung ausbauen. Er birgt ein grosses Potenzial, Stichwort Nachhaltigkeitsagenda, Verkehrsplanung, gesunde Städte und so weiter. Mittelfristig soll auch ein Forschungsbereich für Osteopathie entstehen; wir starten hier 2023 mit dem Bachelor, gefolgt vom Master in Osteopathie.

 

Prof. Dr. habil. Sonja Kahlmeier leitet seit 2018 das Departement Gesundheit als auch die dortige Forschung. Vor der FFHS war sie am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI, ehemals ISPM) der Universität Zürich und in der Abteilung für Nichtübertragbare Krankheiten und Umwelt des Europäischen Regionalbüros der WHO tätig. Während über 10 Jahren koordinierte sie auch das Europäische Netzwerk für die Förderung gesundheitswirksamer Bewegung (HEPA Europe) und hat an WHO Strategien und Empfehlungen mitgearbeitet.