Melanie Biaggi 03.02.2026

Was muss eine glaubhafte Führungskraft mitbringen?

Führungsarbeit ist heute anspruchsvoller und komplexer. Während früher hierarchische Strukturen vorherrschten, sind heute mehr Kooperation und Partizipation gefragt. Dr. Laetitia Dahl Bünger, Studiengangsleiterin Executive MBA, über Beziehungsqualität im Leadership, Authentizität und ihr persönliches Führungsvorbild.

Wer heute eine Führungsposition innehat, weiss: Während sich Führungsaufgaben früher vor allem auf die Aufgabenverteilung und Kontrolle bezogen, beinhalten sie heute zunehmend strategisch-steuernde Aufgaben. Neben ihren Fachaufgaben müssen Führungskräfte heute auch als Coach, Sparringpartner und Berater fungieren. Am wichtigsten ist jedoch, dass die Mitarbeitenden ihren Vorgesetzten vertrauen. Doch wie wird man eine glaubhafte Führungsperson?

Glaubwürdige Führung beginnt gemäss Dahl Bünger bei der inneren Haltung: Führungspersonen müssen an ihre eigenen Werte glauben und diese auch konsequent vertreten. Entscheidend ist dabei jedoch nicht nur das individuelle Werteverständnis, sondern dessen Einklang mit den Werten der Organisation. Erst wenn persönliche Überzeugungen und unternehmerische Leitlinien miteinander korrespondieren, entsteht jene Authentizität, die Vertrauen wachsen lässt – nach innen wie nach aussen. Es geht aber auch um Präsenz: «Die Führungsperson muss sich Zeit nehmen und Interesse für die Menschen um sie herum zeigen.»

Die eigenen Werte und jene der Organisation

Expertinnen und Experten sind sich einig: Führungserfolg hängt immer auch von der Beziehungsqualität zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden ab. Authentizität schafft Vertrauen. Doch wie authentisch sollte eine Führungsperson sein? Dies hängt laut Dahl Bünger immer von der jeweiligen Organisation ab. «Eine Führungsperson kann in einer Organisation nur funktionieren, wenn die Werte der Organisation mit den eigenen zu mindestens 80 Prozent übereinstimmen. Stimmen die Werte nicht überein, kostet eine Anpassung enorm viel Energie.» Für die Mitarbeitenden sei es immer von Vorteil, wenn sie ihre Chefin oder ihren Chef einschätzen könnten.

Es spielt weniger eine Rolle, ob eine flache oder hierarchisch geprägte Struktur in einem Unternehmen vorherrscht, wie viel Erfahrung die Führungskraft bereits hat oder welcher Generation sie angehört. Um erfolgreich führen zu können, braucht es vor allem Zeit. Als Faustregel gilt: Mindestens 20 Prozent der Stellenkapazität müssen für Personalführung aufgewendet werden.

Gemäss Dahl Bünger sind Resilienz und Energie neben der Zeit die beiden wichtigsten Voraussetzungen für Führungskräfte. «Führen ist sehr anstrengend. Es kann zu Reibungen kommen, nicht nur mit Mitarbeitenden, sondern auch mit den eigenen Vorgesetzten. Führungskräfte müssen Spannungen aushalten. Viele halten diese Belastung nicht aus, werden zu Marionetten und verlieren so ihre Glaubhaftigkeit.» Vor allem die jüngere Generation der Mitarbeitenden verlangt viel mehr Persönliches von ihrem Chef oder ihrer Chefin – eine gute Abgrenzung ist hier entscheidend.

Praktische Rollenspiele und Reflexion

«Führen kann man lernen», sagt Dahl Bünger. Im Executive MBA der FFHS lernen die Studierenden die Grundlagen der Führung. Zum einen gibt es theoretische Grundlagen. Im Modul «New Leadership Approach» werden beispielsweise die verschiedenen Führungsmodelle vorgestellt. Dann wird es praktisch: Es geht um die Kommunikation als wichtiges Werkzeug einer Führungsperson. In Rollenspielen lernen die Studierenden, wie man ein Mitarbeitergespräch führt, eine Präsentation hält und andere von sich überzeugt. «Reflexion ist uns besonders wichtig. Die Studierenden sollen ihr eigenes Führungsverhalten kritisch hinterfragen», so Dahl Bünger.

Die Führungsperson sollte ihre Feedbackkultur jederzeit hinterfragen. Habe ich den Mitarbeiter für seine gute Leistung gelobt? Konnte ich die Mitarbeiterin gut abholen? «Wenn es um Lob geht, rate ich immer zur schriftlichen Form. Studien haben gezeigt, dass es elf Sekunden dauert, bis ein Kompliment mündlich beim Gegenüber als solches wahrgenommen wird. Also lieber das Kompliment schriftlich verfassen, das ist nachhaltiger. Am besten sollte eine noch höhere Kaderstufe ins CC genommen werden», empfiehlt Dahl Bünger.

Und welche Schweizer Führungsperson hat die Studiengangsleiterin persönlich inspiriert und bringt all das mit? «Antoinette Hunziker-Ebneter ist eine Bankerin, die sich mit ihren Nachhaltigkeitsfonds früh aus der Masse abgehoben hat. Als junge Studentin bin ich ihr begegnet. Sie hat sich trotz ihres vollen Terminkalenders Zeit für unsere Anliegen genommen, hat sich interessiert und ist mit uns in den Austausch getreten», erinnert sich Dahl Bünger. Antoinette Hunziker-Ebneter ist Unternehmerin im Bereich Nachhaltigkeit und Verwaltungsratspräsidentin der Berner Kantonalbank. Als Chefin der Schweizer Börse erlangte sie nationale Bekanntheit.