Lucie Fryzek, Dr. Pascal Zysset 10.07.2020

Digitale Finanzberater im Rechtstest

Robo Advisor sind innovative digitale Plattformen für Finanzdienstleistungen. Genau wie der analoge Berater muss sich auch der «digitale Finanzberater» innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen bewegen. Wie die aktuelle Rechtslage aussieht, untersuchte Lucie Fryzek, Absolventin des MAS Business Law, in ihrer Masterarbeit. Ihre Erkenntnisse zu diesem hochaktuellen Thema veröffentlichte Frau Fryzek gemeinsam mit Dozent Pascal Zysset kürzlich im Jusletter, der grössten juristischen Universalzeitschrift der Schweiz.

Als algorithmenbasierte digitale Plattform oder Mobile-Applikation gewährleistet der Robo Advisor verschiedene Finanzdienstleistungen und generiert mithilfe von Algorithmen ein Kunden- und Risikoprofil. Der Robo Advisor stimmt bewertete Daten von Finanzprodukten mit dem Kunden- sowie Risikoprofil ab und generiert die verlangte Finanzdienstleistung, z.B. einen Anlagevorschlag, erklären Fryzek und Zysset. Damit kann weitgehend auf eine Beratung durch eine natürliche Person verzichtet werden. Eine Möglichkeit, deren Vorzüge nicht zuletzt durch die Corona-Krise stärker hervortraten. Doch die webbasierten Beratungen bringen gleichzeitig auch neue privat- und aufsichtsrechtliche Herausforderungen mit sich.

Im Rechtsdschungel

Auf privatrechtlicher Ebene bestehen diverse Rechtsbeziehungen. Einerseits muss unterschieden werden, ob der Robo Advisor vom Finanzdienstleister selber auf die Beine gestellt wird oder ob die Plattform extern beschafft wird. Während im ersteren Falle arbeitsrechtliche Fragen im Vordergrund stehen, besteht im zweiten Falle ein Lizenzvertrag, welcher je nachdem durch einen Vertrag über die Nutzung von Software as a Service ergänzt wird, erklären Fryzek und Zysset.

Im Rechtsverhältnis zwischen dem Robo Advisor und dem Kunden muss schliesslich zwischen Vermögensverwaltung und Anlageberatung unterschieden werden.

Aufsichtsrechtlich ist die Unterscheidung zwischen vermögensverwaltenden und anlageberatenden Robo Advisor zentral, da diese darüber entscheidet, ob eine FINMA-Bewilligung benötigt wird oder ob „nur“ die Pflichten des Finanzdienstleistungsgesetzes (FIDLEG) Anwendung finden. Eine rechtliche Knacknuss besteht schliesslich in der Frage, so Fryzek und Zysset, ob eine natürliche Person als «Vertreter» des Robo Advisors im Beraterregister aufgeführt werden muss. Die Autoren bejahen dies. Bei einer Verletzung dieser Vorschriften muss sodann mit strafrechtlichen Sanktionen gerechnet werden.

Chancen und Risiken des digitalen Finanzberaters

Automatisierte Dienstleistungen bieten den Vorteil, dass sie von den Kunden rund um die Uhr genutzt werden können. Ausserdem kann die Dienstleistung durch die Automatisierung zu tieferen Preisen angeboten werden. Seitens der Anbieter bringt das Geschäftsmodell ebenfalls Vorteile, da es besser skalierbar ist als herkömmliche Beratungsdienstleistungen, so Fryzek und Zysset. Hingegen weist der Robo Advisor auch potentielle Risiken auf: Die Mehrheit der Plattformbetreiber arbeiten mit ähnlichen Geschäftsstrategien und legen das Vermögen mithilfe ähnlicher Modelle an. Diese Parallelität birgt Solvabilitäts- und Systemrisiken. Auf der Kundenseite besteht zudem das Risiko, dass falsche Eingaben gemacht werden oder dass wichtige Informationen nicht (richtig) verstanden werden.

Voraussetzungen für den Erfolg

Damit die gute Qualität der Finanzdienstleistungen gewährleistet werden kann, müssen gemäss Fryzek und Zysset einerseits die relevanten Kundeninformationen und andererseits genügend Daten zu den Finanzprodukten zur Verfügung stehen. Weiter führen sie aus, dass sich der Robo Advisor an den Anforderungen der E-Governance orientieren sowie den Kunden eine sichere Plattform bieten muss. Diese Transparenz und Legitimität fördert schliesslich die Akzeptanz der Kunden, eine digitalisierte Beratung in Anspruch zu nehmen. Ob Kunden auch in persönlichen Bereichen wie den Finanzen einer Maschine bedingungslos vertrauen, wird sich herausstellen. «Zumindest im Bereich der Vermögensverwaltung kleiner Vermögen werden die Anleger kaum Alternativen zu Robo Advice bekommen, während bei grösseren Vermögen der Erfolgsbeweis auf technischer und statistisch-ökonomischer Ebene erbracht werden muss», so Fryzek und Zysset. Die Entwicklung der Robo Advisor dürfte also weiterhin interessant zu beobachten sein.

Autoren

Lucie Fryzek

Die Absolventin des MAS Business Law hat ihre Masterthesis zum Thema «Robo-Advisor unter Berücksichtigung der neuen finanzmarktrechtlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz» verfasst. Diese wurde mit einem ausgezeichneten Prädikat bewertet. Ihre überarbeitete Masterthesis wurde in Co-Autorschaft mit dem Dozenten im Jusletter publiziert. Der Jusletter ist die grösste juristische Universalzeitschrift der Schweiz.

Dr. Pascal Zysset

Pascal Zysset ist Rechtsanwalt bei Walder Wyss und arbeitet insbesondere in den Bereichen Gesellschafts- und Finanzmarktrecht. Zuvor war er bei der FINMA als Spezialist für regulatorische Fragen und mehrere Jahre am Institut für Wirtschaftsrecht der Universität Bern tätig. Er beschäftigte sich dort neben finanzmarktrechtlichen auch mit gesellschaftsrechtlichen und rechtsvergleichenden Themen. Er unterrichtet an der FFHS als Dozent des MAS Business Law.