Zum schmalen Grat zwischen ziviler Innovation und kriegerischer Rüstung
In seiner Bachelorarbeit widmet sich FFHS-Absolvent Daniel Felchlin einem Thema, das aktueller kaum sein könnte: der gesellschaftlichen Wahrnehmung von sogenannten Dual-Use-Unternehmen. Gemeint sind Firmen, deren Produkte sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können. Die Arbeit zeigt, wie stark wirtschaftliche Interessen heute mit ethischen und gesellschaftlichen Fragen verflochten sind.

Die Schweizer Rüstungsindustrie ist international anerkannt und gefragt. Auch stehen kriegerische Machinen, Fahrzeuge und Jets beispielsweise in den Reihen der Schweizer Armee – und stets in einem Spannungsfeld zwischen technologischem Nutzen und moralischer Verantwortung. (Foto: Orlando Bassi, Militärflugplatz Emmen)
Dual-Use-Technologien gehören längst zum industriellen Alltag. Viele Produkte, die ursprünglich für zivile Anwendungen entwickelt wurden, können ebenso militärisch eingesetzt werden – darunter Software, Antriebssysteme, künstliche Intelligenz oder elektronische Komponenten. Gerade in der Schweiz ist das Thema von hoher wirtschaftlicher Bedeutung. Laut dDaniel Felchlin generiert die Schweizer Rüstungs- und Dual-Use-Industrie jährlich Milliardenbeträge an Wertschöpfung und sichert tausende Arbeitsplätze. Gleichzeitig bewegt sich die Branche in einem moralisch sensiblen Spannungsfeld. Unternehmen, die auch militärische Anwendungen zulassen, sehen sich zunehmend mit kritischen Fragen konfrontiert: Wie verantwortungsvoll handeln sie? Welche Risiken entstehen durch ihre Produkte? Und wie stark leidet ihre Reputation unter der Nähe zur Rüstungsindustrie? «Mich hat besonders interessiert, wie stark die gesellschaftliche Wahrnehmung den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens beeinflussen kann», erklärt Felchlin. «Gerade im Dual-Use-Bereich entsteht oft ein Spannungsfeld zwischen technologischem Nutzen und moralischer Verantwortung.»
Fiktive Unternehmen als Grundlage der Analyse
Für die Untersuchung entwickelte der FFHS-Absolvent ein quantitatives Vignettenexperiment. Den Teilnehmenden wurden fiktive Unternehmen vorgestellt, die sich lediglich in ihrer Beziehung zur Rüstungsindustrie unterschieden. Die Teilnehmenden mussten anschliessend beurteilen, wie sie die jeweiligen Unternehmen wahrnehmen – etwa hinsichtlich positiver Emotionalität, gesellschaftlicher Verantwortung, Innovationskraft oder Arbeitgeberattraktivität. Zusätzlich wurde untersucht, ob die Befragten bereit wären, bei einem solchen Unternehmen zu arbeiten, sich dort zu bewerben oder als Geschäftspartner mit ihm zusammenzuarbeiten. «Mir war wichtig, dass die Teilnehmenden möglichst unvoreingenommen reagieren können, weshalb bewusst fiktive Unternehmen verwendet wurden und keine real existierenden Firmen», sagt Felchlin.
Dual-Use-Unternehmen werden kritischer beurteilt
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen ein klares Bild. Unternehmen mit möglicher militärischer Nutzung ihrer Produkte werden deutlich kritischer wahrgenommen als rein zivile Hersteller. Besonders stark zeigte sich dieser Unterschied bei der emotionalen Wahrnehmung sowie beim gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein. Auch als Arbeitgeber schneiden Dual-Use-Unternehmen schlechter ab. Die Arbeit bestätigt, dass die Reputation eines Unternehmens heute weit über Produkte und wirtschaftliche Kennzahlen hinausgeht. Ethische Fragen und gesellschaftliche Verantwortung spielen insbesondere für jüngere Generationen und qualifizierte Fachkräfte eine zunehmend wichtige Rolle. «Die Ergebnisse haben gezeigt, dass bereits die Möglichkeit einer militärischen Nutzung ausreicht, um Unternehmen kritischer zu beurteilen – und viele Befragte unterscheiden dabei kaum zwischen klassischen Rüstungsunternehmen und Dual-Use-Firmen», fasst Felchlin zusammen. Bemerkenswert ist genau dieser Punkt, denn zwischen klassischen Rüstungsunternehmen und Dual-Use-Unternehmen konnten statistisch kaum Unterschiede festgestellt werden. Das deutet darauf hin, dass viele Menschen Unternehmen bereits dann kritisch beurteilen, wenn ihre Produkte auch militärisch genutzt werden könnten – unabhängig davon, ob die Firma primär zivile oder militärische Märkte bedient.
Transparenz wird zum strategischen Erfolgsfaktor
Aus den Ergebnissen leitet Felchlin konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen ab. Wer im Dual-Use-Bereich tätig ist, müsse seine Reputation aktiv und langfristig steuern. Transparente Kommunikation, glaubwürdige ethische Standards und ein klarer gesellschaftlicher Nutzen seien entscheidend, um Vertrauen aufzubauen und Reputationsrisiken frühzeitig zu erkennen. «Unternehmen können gesellschaftliche Diskussionen nicht verhindern, sie können aber offen kommunizieren und Verantwortung übernehmen, genau das wird künftig immer wichtiger», sagt Felchlin. Die Arbeit macht zudem deutlich, dass gesellschaftliche Wahrnehmung stark vom jeweiligen Kontext beeinflusst wird. Geopolitische Spannungen, mediale Berichterstattung oder politische Debatten verändern laufend die öffentliche Haltung gegenüber sicherheitsrelevanten Technologien. Unternehmen können diese Wahrnehmung zwar nicht vollständig kontrollieren, sie aber durch Offenheit und verantwortungsvolles Handeln aktiv mitgestalten.
Thematik wird an Relevanz gewinnen und Diskurs ist wichtig
Mit seiner Bachelorthesis liefert der FFHS-Absolvent einen Beitrag zu einem bislang wenig erforschten Themenfeld. Für Felchlin ist klar, dass das Thema in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird: «Dual-Use-Technologien werden durch Digitalisierung und technologische Vernetzung immer relevanter und umso wichtiger ist es, dass Unternehmen sich frühzeitig mit ethischen Fragestellungen und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung auseinandersetzen.»
