07.05.2026

Wenn Hilfe satt macht, nicht aber unbedingt gesund ist

Anja Brandau hat in ihrer Bachelorarbeit im Studiengang Ernährung und Gesundheit untersucht, wie Gassenküchen alkoholabhängige Menschen ernähren. Im Zentrum steht eine oft übersehene Frage: Werden die spezifischen Ernährungsbedürfnisse dieser besonders vulnerablen Gruppe überhaupt berücksichtigt?

Gassenküchen leisten täglich einen wichtigen Beitrag zur Grundversorgung. «Gassenküchen stellen eine zentrale Versorgungsstruktur für armutsbetroffene und suchtkranke Menschen dar», schreibt Brandau. Gerade bei alkoholabhängigen Menschen ist die Ernährungssituation oft besonders kritisch. Mangelernährung und Defizite an wichtigen Mikronährstoffen sind weit verbreitet – gleichzeitig fehlen konkrete Daten darüber, wie gut die Versorgung in der Praxis tatsächlich funktioniert. Hier setzt die Arbeit an: Brandau wollte wissen, «inwiefern Gassenküchen den spezifischen Ernährungsbedarf alkoholabhängiger Menschen berücksichtigen».

Kochen mit dem, was da ist

Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: In allen untersuchten Einrichtungen gibt es mindestens eine warme Mahlzeit pro Tag. Doch die Planung folgt selten ernährungswissenschaftlichen Kriterien. «Die Speiseplanung erfolgt überwiegend pragmatisch und ressourcenorientiert, stark abhängig von Spenden und Budget», hält Brandau fest. Das bedeutet konkret: Gekocht wird vor allem mit dem, was verfügbar ist – nicht unbedingt mit dem, was optimal wäre. Für die Mitarbeitenden steht dabei oft ein anderer Fokus im Vordergrund: satt machen, niederschwellig helfen, niemanden ausschliessen. Eine gezielte Anpassung an die Bedürfnisse alkoholabhängiger Menschen findet hingegen kaum statt. «Spezifische Anpassungen finden nicht statt», so Brandau.

Wissen fehlt – Ressourcen auch

Ein zentrales Problem ist der Umgang mit Nährstoffen. Gerade bei Alkoholabhängigkeit spielen Mikronährstoffe eine entscheidende Rolle, doch das Wissen darüber ist begrenzt. «Kenntnisse zu Mikronährstoffdefiziten sind begrenzt, eine systematische Nährstoffberechnung erfolgt nicht», schreibt Brandau. Hinzu kommt: Kooperationen mit Fachstellen wie Ernährungsberaterinnen oder Gesundheitsdiensten sind selten. Die Gründe dafür sind vielfältig. «Als zentrale Herausforderungen wurden finanzielle Einschränkungen, unregelmässige Spenden, fehlendes Interesse und Fachwissen genannt», fasst die Autorin zusammen. Damit wird deutlich: Es fehlt nicht nur an Geld, sondern auch an Strukturen, Wissen und Vernetzung.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Arbeit zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen dem, was theoretisch notwendig wäre – und dem, was im Alltag möglich ist. «Die Ergebnisse verdeutlichen eine Diskrepanz zwischen theoretischem Bedarf und praktischer Umsetzung», so Brandau. Zwar besteht in vielen Einrichtungen ein Bewusstsein für gesunde Ernährung. Doch dieses Wissen fliesst nur begrenzt in die Praxis ein. Die Gründe sind strukturell: knappe Budgets, unsichere Lieferketten, wenig Planungssicherheit. In einem solchen Umfeld wird Ernährung schnell zur pragmatischen Aufgabe – nicht zur gezielten Gesundheitsförderung.

Mehr als nur Essen ausgeben

Gleichzeitig zeigt die Arbeit auch Potenzial für Verbesserungen. Die befragten Einrichtungen äusserten klare Wünsche: «Verbesserungswünsche betreffen mehr Planbarkeit, Schulungen und zusätzliche Ressourcen», schreibt Brandau. Ernährung wird primär als Mittel zur Sättigung verstanden, ihr gesundheitliches Potenzial bleibt weitgehend ungenutzt. Gerade bei alkoholabhängigen Menschen könnte eine gezieltere Ernährung einen wichtigen Beitrag zur gesundheitlichen Stabilisierung leisten, etwa durch die bewusste Berücksichtigung kritischer Mikronährstoffe oder durch einfache, alltagstaugliche Anpassungen der Speiseplanung. Die Bachelorarbeit verdeutlicht, dass Gassenküchen bereits heute eine zentrale Funktion innerhalb der sozialen Grundversorgung übernehmen. Unter verbesserten Rahmenbedingungen könnten sie jedoch zusätzlich eine verbindende Rolle zwischen Sozialarbeit, Gesundheitsförderung und Prävention einnehmen.

Anja Brandau hat ihre Bchelorthesis im Studiengang Bachelor of Science Ernährung und Gesundheit an der FFHS zum Thema«Nährstoffversorgung alkoholabhängiger Menschen in Gassenküchen: Eine qualitative Untersuchung in deutschsprachigen Kantonen der Schweiz» verfasst.